müssen müssen

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es gibt einen ziemlich verlässlichen angsttrigger: müssen. keinen ausweg haben oder ihn nicht sehen. gefangen sein in einer situation. und dafür reichen kleine alltagssituationen aus. es müssen nicht die großen bedrohungslagen sein, aus denen man nicht fliehen kann. für mich reichen schon termine aus, die ich nicht absagen kann.

nun könnte man natürlich sagen, dass prinzipiell alles abgesagt werden kann. es gibt einen ausweg. aber er fühlt sich nicht gangbar an. sich auf der arbeit krankzumelden, insbesondere wegen psychisch induzierter beschwerden, scheint nicht möglich. bisweilen ist es das auch wirklich nicht. wenn man den morgen nur zu zweit beginnt und es unbedingt zwei personen braucht, um den laden zu öffnen, ist es egal, ob man den kopf unter’m arm trägt: wenn man nicht kommt, kann der laden nicht öffnen. nicht kommen ist also keine ernsthafte option. wenn krankmelden eine option ist, wird sofort ein ärztliches attest gefordert, am selben tag. mitunter kann ich mir aber kaum vorstellen, das haus zu verlassen, weil ich angst habe. deshalb würde ich ja der arbeit fernbleiben. der weg zum arzt ist nicht einfacher als der weg zur arbeit. im zweifelsfall ist er sogar schlimmer, weil er unweigerlich zeit im wartezimmer bedeutet. ebenfalls ein angsttrigger. man kann ja nicht einfach gehen. (ja, ich weiß, theoretisch kann man, aber in meiner krassen anspannung wüsste ich dann auch außerhalb des wartezimmers nichts mit mir anzufangen und würde weiter aufdrehen)

abgesehen davon ist krankschreiben lassen ja gar nicht immer notwendig. manchmal ist es ein wirklich schlechter tag, ein ausreißer, kann am nächsten tag schon wieder anders sein. aber wem soll man das wie erklären? es interessiert, im klassischen arbeitskontext, niemanden. da gibt es regeln. fertig.

der gedanke an die kommenden wochen und monate voller „müssen müssen“ machen mich wahnsinnig. es ist sehr wahrscheinlich, dass es am ende geht, weil es gehen muss. weil ich keine wahl habe. aber die gedanken daran wirken zersetzend, elektrisierend. die schallplatte in meinem kopf hat einen sprung. es läuft der evergreen: das schaffst du nicht, das geht alles nicht, niemals, hilfe! versuche, mich zu fokussieren. auf jetzt. auf hier. spüre das bedarfsmedikament meine anspannung etwas lindern. ich will nicht müssen. ich kann nicht müssen. ich halte müssen nicht aus. aber das leben besteht aus so viel müssen, immer wieder. ich bin überfordert vom leben.

hätte gerne eine höhle, in der mich niemand findet.

Photo by Jakub Kriz on Unsplash

 

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falsche ideale und schutzmaßnahmen

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es ist wichtig, dass ich allein bin. es ist wichtig, dass ich mit niemandem über gefühle rede. es ist wichtig, verbindungen zu kappen. immer wieder tauchen vorstellungen auf, das handy in eine schublade zu legen, den rückzug aus der online-sichtbarkeit anzutreten, mich zu vereinzeln. warum? was wäre gewonnen durch diese art von sozialer entkontextualisierung? einerseits sind das natürlich ideale und vorstellungen, die zu anderen zeiten notwendig oder unveränderlich waren. alleinsein, niemandem näherkommen, nicht reden. das war wichtig, wenn nicht obligatorisch. warum ist es jetzt wieder wichtig? es gibt eine form von kontrolle zurück. sich zusammenzureißen zeugt von stärke. von einer kraft, die größer ist als bedürfnisse und empfindungen. gleichzeitig steckt darin auch der paradoxe wunsch, in der unsichtbarkeit gesehen und im schweigen gehört zu werden. einen wunsch, den ich ablehne in seiner koketterie und selbststilisierung. es gelingt mir nicht, mir und meinen inneren mechanismen mit wohlwollen zu begegnen. ich habe die wahrnehmungen der anderen internalisiert: du übertreibst, du manipulierst, du jammerst, du spinnst. alles, was nicht umgehend sinn ergibt, muss unsinn sein. damit scheint das problem gelöst. aber so einfach ist es – mutmaßlich – nicht.

ich denke an ein therapiegespräch von vor einigen wochen. in dem gespräch sagt die therapeutin sinngemäß: wäre der missbrauch damals bekannt geworden, wäre womöglich das jugendamt gekommen, um mich aus der familie zu entfernen. völlig absurd. ich verstehe, was sie sagt, inhaltlich, kann das aber nicht auf mich anwenden. ich sehe keine familiäre situation, die gerechtfertigt hätte, dass das passiert. es ist, als erzähle sie mir von einer ganz anderen patientin, bei der das so gewesen wäre. wenn ich darüber nachdenke, was das mit mir zu tun hat, komme ich nicht weit. ich komme genau bis zu einer zerstörerischen wut, die an der grenze zum hass lodert. aber nicht auf die familie. es ist die wut auf mich selbst. die wut darüber, dinge offensichtlich so verfehlt dargestellt zu haben, dass die therapeutin zu einem solchen schluss kommen muss. offensichtlich, so der glaube, kommuniziere ich verlässlich an der realität vorbei. nichts, was ich gesagt habe, führt für mich folgerichtig zu diesem schluss. ist das nun meine verfehlung oder ihre? meine wahrnehmung ist kaputt. meine geschichte aufgelöst.

ich habe mir alte gutachten von ehemaligen therapeut*innen aushändigen lassen, um im falle von relativierungen und verleugnungen etwas zu haben, an das ich mich halten kann. und zu meinem schrecken muss ich feststellen: es wirkt nicht. überhaupt gibt nur ein gutachten von bislang insgesamt drei eine traumarelevante diagnose (PTBS). alle anderen bleiben bei verdachtsdiagnosen in bezug auf persönlichkeitsstörungen, bei ängsten, depressionen, hohen somatisierungsneigungen. wie soll ich daraus etwas entnehmen? dankbar nehmen sich die saboteure dem an, verwässern es, delegitimieren es: das bedeutet nichts. ich strecke meine hand aus und greife ins leere. immer wieder. und immer wieder. und wenn ich etwas zu fassen kriege, mit den fingerspitzen streife, ist es wut. nichts hilft gegen diese wut. alle bemühungen werden gönnerhaft abgeschmettert, lächerlich gemacht, verhöhnt.

es gibt vermutungen dazu, weshalb diese mechanismen so ungeheuer stark sind, dass sie mich fast zersetzen. in weniger als vier wochen steht ein gespräch zwischen mir und m. an, gemeinsam mit der therapeutin. es sollen dinge besprochen werden, die explizit den missbrauch betreffen. ich schätze, die therapeutin wird klar sprechen, wird nicht beschönigen. allein der gedanke daran sorgt für extreme unruhe, für fluchttendenzen, für angst, für selbsthass. wenn ich versuche, mir das gespräch und seinen ablauf vorzustellen, werde ich niedergewalzt: ein gespräch über lügen bringt gar nichts! wie kannst du m. einem gespräch aussetzen, das so ernst ist und etwas abverlangt, wenn du doch weißt, dass es das alles nicht gegeben hat? wie kannst du so niederträchtig sein? so unterirdisch? ein so schlechter mensch, ein so grausames kind? nüchtern beobachtet ist dieser termin ein guter grund für umfassende verleugnung. es darf nicht sein. es ist nicht. wir müssen es zudecken, wir müssen es eingraben, wir müssen es zerlegen, zerschlagen, zerstören. die teile, die ursprünglich das gespräch für sinnvoll befunden haben, sind längst verstummt. oder: sie sind nur noch anwesend als tendenz zum totalen rückzug. als völlige unsicherheit darüber, was wahr ist und was falsch.

und ich weiß nicht mehr, wie ich diese zersetzungen ertragen soll. was ich gegen sie ausrichten soll. ich schaue machtlos zu, wie mir meine geschichte immer wieder entrissen wird. als hätte ich mühsam den rahmen eines puzzles zusammengesetzt und jemand käme, um ihn wieder in seine einzelteile zu zerreißen. immer wieder. seit weit über zehn jahren. irgendwann will man dann das puzzle nicht mehr anfangen. weil man weiß, dass es einen selbstzerstörungsmechanismus in sich hat.

ich habe keine deutungshoheit über mein eigenes leben.

die wahrheit

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ich bin ein anderer mensch.
ich habe keine gravierenden probleme.
ich habe keine gewalt erfahren.
ich bin nicht traumatisiert.

es ist schon eine weile her, dass sich das so klar für mich angefühlt hat. so deutlich. so naheliegend, so vernünftig und gesetzt. grüble, wie ich den schmarrn aus meinem system entfernen kann. grüble bisweilen auch, wie er überhaupt da hinein gelangen konnte, aber das ist vielleicht keine vordergründige frage. fakt ist, dass es der sinnvollen grundlagen entbehrt. dass es nicht sein kann. (was mich in schwierigkeiten bringt insofern als ein anberaumtes gespräch mit einer konkreten person durch die überzeugung, es habe nichts stattgefunden, obsolet gemacht wird.) dafür muss ich mir beizeiten noch etwas überlegen. aber nicht jetzt. jetzt kann ich noch nichts entscheiden, diesbezüglich.

ich bringe viel zeit damit zu, meine arbeit zu tun. mich geistig statt mit inneren phantomen mit dingen auseinanderzusetzen, die sinn ergeben und berechtigung haben. manche dinge nötigen mir unterdessen dann ein müdes lächeln ab. diese drehkreiselartige beschäftigung mit innen zuständen, vermeintlicher dissoziation und all diesen dingen – alles ausdruck einer komischen selbstbezüglichkeit. dieser ganze blog ist eine einzige alberne selbstbezüglichkeit. aber gut. nun ist er einmal da, ich werde mir jetzt nicht die mühe machen, alles wieder zu löschen.

wie konnte das alles passieren? ich weiß es wirklich nicht. dinge verschwimmen, wenn man sie zu lange ansieht. dieser logik zufolge darf ich mich womöglich nicht mehr ansehen. ich verschwimme zu leicht. und alles, was mit mir zusammenhängt. und dann, plötzlich, habe ich wieder harte kanten, klare ansichten, deutliche umrisse. mir kann niemand ein x für ein u verkaufen. mir kann niemand sagen, dass es komplexe traumatisierungen in meinem leben gibt. was für ein mumpitz! so ist das. so und nicht anders.

entfremdung. auflösung. auslöschung. kaleidoskopartig sehen die dinge mal so und mal so aus. bisschen peinlich fast, wenn leute dann jetzt sagen, mein leben bislang war mindestens schwierig. alles ist peinlich. weil so überdramatisiert. blown out of proportion. aber was sind schon proportionen? egal. es fühlt sich einsam an. die wahrheit ist einsam. starke überzeugungen, dass ich „es“ allein schaffen muss. dieses leben. und dessen unvermeidbare begleiterscheinungen.

ich hätte noch mehr dinge. in mir. zu sagen. aber es ist, gemessen an meinen ansprüchen, schon bedauerlich genug, überhaupt nochmal etwas hier gesagt zu haben. wenigstens nichts, das unter die kategorie des jammerns fällt. gerede ist es trotzdem. die wahrheit ist: ich mag kein gerede. ich mag mich auch nicht reden hören oder mir beim denken zusehen. das ist alles so belanglos. ICH bin belanglos.

putting holes in happiness

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die verleugner haben wieder das ruder übernommen. haben sich durchgesetzt gegen die fantasten, die dauerleider. alle zeichen stehen auf wahn.

nichts davon stimmt, nichts ist wahr.

ich zähle die tage, an denen ich nichts schreibe, an denen ich mit niemandem über irgendetwas rede, an denen ich mein inneres ausspare. ich entwerfe mich um mein nichts herum.

schaffe ich das, habe ich das gefühl, ich bin stark und vernünftig. ich bin gut, wenn ich schweige. ich kann das. ich muss das können. schweigen ist ein zeichen von selbstkontrolle. selbstkontrolle ist ein zeichen von stärke. stärke ist ein zeichen von wert.

stark bin ich was wert. schwach störe ich nur. schwach wegen einer herbeifantasierten traumatisierung bin ich gewissermaßen untragbar, unwert, unangemessen, indiskutabel.

volkommen widersinnig.

halb n halb

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ich setze mich aufs rad und fahre zur arbeit. es ist noch recht früh, um diese uhrzeit sind nur wenige menschen unterwegs. auf dem weg kommt mir eine mutter entgegen mit ihrer tochter, die einen schulranzen trägt. eine alltägliche situation. mich durchfährt es plötzlich. ich denke an mich als kind, in dem alter, mir wird unwohl, die anspannung steigt. nicht, dass mir etwas konkretes einfiele. ich sehe es und muss mich innerlich zur ordnung rufen. ruhig atmen. ich fahre vorbei, erinnere mich kurz daran, wo ich bin, dass ich nicht mehr sechs oder sieben bin. es geht schnell vorbei. begreiflich ist es mir nicht.

immer wieder fällt mir c. ein. heute. ich denke an sie. habe ich von ihr geträumt? ich kann mich nicht erinnern. aber die gedanken an sie sind nicht vergleichbar mit solchen, die man eben mal auf menschen verwendet, die man lange nicht gesehen hat. es sind keine „ach, ja, müssten uns mal wieder unterhalten“-gedanken. eher unterbewusste phantome. millisekunden eines films. vielleicht ein film, der letzte nacht lief? unweigerlich muss ich an weiter zurückliegende träume denken. an träume, in denen sie auch opfer war. in denen ich das, was er mit ihr in meinem traum tat, als teil der eigenen geschichte begriffen habe. er tut es mit ihr. warum also sollte er es mit mir nicht getan haben? ich denke an träume, in denen ich es ihr gesagt habe und sie nicht antwortete, dass das unmöglich sei. am ende weiß ich nichts. es sind nutzlose splitter, die nichts aussagen.

auch in anderen kontexten liegen sinnlose splitter herum. mehr gefühle als erinnerungen. ein kurzes flackern. ein gefühl von: es war dies oder jenes. das kennst du. alles ohne, dass ich konkretes greifen kann. wie ein wanderzirkus auf der durchreise zieht das alles durch mich hindurch, vereinzelt nehme ich es wahr, aber es entzieht sich mir zu schnell wieder, um irgendwas zu bedeuten. ich sehe nur noch die wehenden fahnen des letzten wagens und denke: ach, hier müssen sie gerade eben durchgekommen sein.

gestern abend werde ich überschüttet mit gedanken. gedanken, die sagten: du musst dich zurückziehen. du musst das alles begraben. das stimmt alles nicht. komm mal wieder zur besinnung! aber auch gedanken wie: ich bin ein furchtbarer mensch, eigentlich darf es mich nicht geben, weshalb sollte ich schon leben, ob es nicht besser wäre, wenn ich einfach nicht mehr wäre? ich bin nicht suizidal und halte das auch nicht für konkrete absichtsbekundungen. ich denke es einfach. warum auch immer. ich kann dinge denken, empfinden und sagen, während ich gleichzeitig das gefühl habe, dass das ganz falsch ist. dass ich das gar nicht wirklich denke. längerfristig kann mich das in den wahnsinn treiben. vielleicht. irgendwann. und dann gehe ich mit dem wanderzirkus fort.

dieses nichts

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seit tagen ist es da, das nichts. es greift nach mir. es hüllt mich ein wie eine warme decke. in mir bloß stille, auflösung, auslöschung. ich bin müde, egal wie viel ich schlafe. ich bin antriebslos, egal, was ich mir vornehme. alltägliche verrichtungen kosten kraft, meistens schiebe ich sie auf den nächsten tag, in der irrigen annahme, dann sei irgendetwas besser. oder leichter. sporadisch spüle ich ein paar teller und tassen. besteck. muss ja sein. aber es ist so anstrengend.

ich bestelle mir „das verfolgte selbst“, ein fachbuch über strukturelle dissoziation. warum? weil ich gehofft habe, darin steht etwas, das mir zu verstehen hilft, warum dinge sind wie sie sind. aber sind sie denn so? als ich gestern abend darin lese und etwas trinke – in der absicht, das nichts in mir kurz dazu zu animieren „etwas“ zu sein -, wird das nichts nur größer. ich lese und denke: wow und du glaubst ernsthaft, dass das was mit dir zu tun hätte? wovon träumst du nachts, mädel, echt jetzt?! statt aus dem nichts herauszufinden, stolpere ich geradewegs hinein. nichts ergibt mehr sinn.

ich lege das buch zur seite und fühle mich der auflösung nahe. wer bin ich? warum lese ich das? was fühle ich? überall nur schwärze, dunkelheit, ein gefräßiges loch, das alles verschluckt. als ich versuche, das zu kommunizieren, scheitere ich. ich kann das gefühl niemandem erklären. ich kann das nichts niemandem erklären. ich weiß selbst nicht, was es ist oder was es bedeutet. ist es depression? ist es dissoziation? ich weiß nur, dass sich dinge auflösen, dass sie zerfallen. dass ich nicht vermitteln kann, wie ich mich fühle, weil das problem gerade ist, dass da nichts zu fühlen ist. dass nichts mit sicherheit gesagt werden kann. dass alles sich falsch anfühlt, jeder gedanke, jedes wort, jedes gefühl, ich.

ich liege da, schließe die augen, warte. ich verstehe nicht. nichts von alledem. wenn ich das nicht tue, wer sollte es sonst tun? ich bin eingeschlossen in mir. selbst, wenn es da menschen gibt, die potentiell zuzuhören bereit wären, funktioniert die kommunikation nicht. es ist nicht nur ein redeverbot. das allenfalls am rande. es ist eine rede-unmöglichkeit, weil für das innere im außen keine sprache existiert, die verständlich und anschaulich genug ist, das gefühl zu formulieren.

also bleibt alles, wie es ist. verschlossen, einsam, verwirrt. die nächsten wochen werden hart. ich kann mir nicht leisten, allein meinen morgenjob von 2 1/2 stunden runterzureißen und dann auf dem sofa zu stranden. oder im bett zu versinken. ich muss dinge abarbeiten. bloß wann? bloß wie? das nicht-empfinden war eigentlich immer ein garant für funktionalität. jetzt mischt sich das nicht-empfinden mit einer trägheit und antriebslosigkeit, die funktionalität unterbinden. ich vermisse die therapeutin (und ich hasse, hasse, hasse es, jemanden oder etwas zu brauchen). jemanden, der mir sagen kann, was das nichts ist. wie aus dem nichts wieder stückweise ein etwas werden kann. dass ich nicht faul bin und das mit kryptischem gefühls-blabla zu rechtfertigen versuche. ja, ich glaube, das ist es, was ein teil von mir denkt. ich bin einfach ziemlich faul und will das nicht zugeben. wer weiß? vielleicht ist es ja so.

was es heißt

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es ist gut und wichtig, dass in den letzten jahren die öffentlichen diskussionen über depressionen und ängste zugenommen haben. immer wieder mal melden sich menschen vernehmlich zu wort, die betroffen sind oder waren. immer wieder mal nehmen diese menschen in kauf, dafür von anderen angefeindet zu werden. weil solche „geständnisse“ doch ins privatleben gehörten und das niemanden etwas anginge. diese einlassungen übersehen das wesentliche: dass es bei solchen erfahrungsberichten weniger darum geht, sich selbst darzustellen als darum, die aufmerksamkeit auf ein thema zu lenken, das viele betrifft. und über das viele schweigen. aus angst, aus scham, aus unsicherheit. erfahrungsberichte machen mut. sie schaffen bewusstsein. sie ermöglichen dem einen oder anderen, zu begreifen, dass er oder sie nicht allein ist. nicht „verrückt“ ist. und diese erkenntnis – mag sie rational schon vorher da gewesen sein, aber erst jetzt emotional wirklich greifen – kann für einige der anstoß sein, sich hilfe zu suchen. über jeden betroffenenbericht, der die realität psychischer erkrankungen abbildet, bin ich dankbar.

seltener liest man hingegen über die folgen komplexer traumatisierungen. wie lebt es sich mit traumafolgestörungen? hin und wieder macht ein öffentlich gewordener fall über kindesmissbrauch oder -misshandlung schlagzeilen. die empörung ist groß. die reaktionen reichen von abscheu bis zu todeswünschen den täter*innen gegenüber. vermutlich kennt jeder, ob er es weiß oder nicht, eine*n betroffene*n sexuellen/psychischen missbrauchs und körperlicher misshandlung in der kindheit. einige haben womöglich gar verwandte, die selbst täter*innen sind. manche wissen das vielleicht und wollen es nicht wahrhaben. manche haben aktiv weggeschaut. andere haben keine ahnung. die dunkelziffer sexuellen missbrauchs in der familie ist hoch. die debatte über psychische gewalt, ständige abwertungen, unsichere bindung und emotionale unerreichbarkeit seitens wichtiger bezugspersonen für ein kind kommt erst langsam ins rollen. langsam setzt sich auch in fachkreisen durch, dass ein schlag ins gesicht nicht schlimmer ist als ständige abwertungen und mangelnde emotionale fürsorge. jedenfalls, wenn man von den neurologischen spuren ausgeht, die traumata im gehirn hinterlassen.

(wenn ich hier einflechte, wie es sich damit lebt, geht das auf meine erfahrungen zurück. die sind nicht allgemeingültig. sie sind teil eines breiten spektrums von traumafolgen)

missbrauch wird selten begangen von dem bösen fremden. menschen, die kinder sexuell oder psychisch missbrauchen, unterscheiden sich äußerlich nicht von allen anderen. man sieht ihnen nicht an, was sie tun. sie springen nicht nachts aus dem gebüsch. sie müssen dem kind selten auflauern, weil sie sich ohnehin selbstverständlich im umfeld des kindes bewegen. weil sie väter (mütter) sind, großväter (großmütter), onkel (tanten), brüder und schwestern, familienfreund*innen, nachbar*innen. sehr viele täter*innen haben keine pädophilen neigungen. ihnen geht es um die ausübung von macht. sehr oft leben sie in vergleichsweise unauffälligen erwachsenen partnerschaften. sehr oft sind es nicht die stillen, socially awkward people, von denen im nachhinein andere dann behaupten würden, sie seien immer schon komisch gewesen.

als ich einmal einem mann gegenüber meine vergangenheit andeutungsweise beschreibe, antwortet er etwas, das ich nicht gleich verstehe. er frage sich, klar, das sei schlimm und so, aber er frage sich, was genau daran so extrem schlimm sei. und ich war wie vor den kopf gestoßen. ja, was genau ist an sexuellem missbrauch so schlimm? ist das wirklich nicht vorstellbar? für manche anscheinend nicht. und andere haben eine vage, recht diffuse vorstellung davon, dass danach vieles „kaputt“ ist, wenn so etwas passiert ist. dazu muss gesagt werden: wie viel tatsächlich kaputt geht, hängt von vielen faktoren ab. u.a. auch davon, ob das opfer über die vorkommnisse sprechen kann, ob es unterstützung erfährt, schutz, wohlwollen. ob es vertrauenspersonen hat, die ihm glauben schenken und alles tun, um das kind in sicherheit zu bringen. passiert das, ist das geschehen immer noch katastrophal, aber die prognose günstiger. sehr oft aber stellt die situation sich anders dar: das kind ist allein mit dem, was es erlebt. es hat keine vertrauensvollen ansprechpersonen. und etwas grundlegendes zerbricht. oder: entsteht gar nicht erst. je nachdem, in welchem alter der missbrauch stattfindet. in der folge wird es an vertrauen fehlen, an allen ecken und enden. vertrauen in sich selbst, vertrauen in die eigene wahrnehmung, vertrauen in andere menschen und deren wohlwollen, vertrauen in selbstwirksamkeit. alles steht in der folge auf wackeligen füßen. es entsteht ein „konstruktionsfehler“, der auswirkungen hat auf sämtliche lebensbereiche.

sexueller missbrauch ist selten ein einmaliges ereignis. üblicherweise erleben betroffene mehrere übergriffe, manchmal erstreckt sich die gewalt über jahre.

beziehungen zu menschen gestalten sich generell schwierig; je näher die beziehung desto schwieriger das handling. nähe ist als etwas zerstörerisches, zutiefst bedrohliches erlebt worden. vertrauen wurde auf perfide art ausgenutzt. körperliche und psychische grenzen überschritten, der wille negiert, das opfer für die eigenen bedürfnisse objektifiziert. oft wird mit drohungen und doppelbotschaften gearbeitet, manchmal auch mit körperlicher gewalt. wer im kindesalter sexuell missbraucht wird, lernt auch, sich selbst und seiner wahrnehmung nicht mehr zu vertrauen. wer missbraucht wird, beginnt oft – als ausdruck einer unerträglichen notlage, nicht freiwillig, nicht planvoll – die eigene persönlichkeit in einzelne teile aufzuspalten (stichwort: strukturelle dissoziation). z.b. in teile, die den alltag leben und teile, die die gewalt erfahren. zwischen beiden entsteht eine dissoziative trennwand. der eine teil weiß nichts vom anderen. sie haben unterschiedliche aufgaben und überschneiden sich kaum bis gar nicht. das führt im erwachsenenalter oft zu verwirrenden, widersprüchlichen gefühlen die traumatischen erfahrungen betreffend, insbesondere, wenn die erinnerungen an die vorfälle für einige zeit unzugänglich waren. ist es wahr? hat es stattgefunden? spinne ich? beides scheint wahr zu sein und gleichzeitig falsch, bekannte kategorien ergeben keinen sinn mehr. worüber zu wenig gesprochen wird in zusammenhang mit missbrauch: nagende zweifel an der eigenen geschichte und der validität der eigenen erinnerungsfragmente.

traumaüberlebende sind immer auch die archäologen ihrer eigenen geschichte. versuchen, etwas wieder zusammenzusetzen, das in stücke geschlagen wurde. versuchen, lücken zu schließen. versuchen, anzuerkennen, dass manche lücken vielleicht immer da sein werden. für diesen beitrag soll es das gewesen sein. vielleicht wird es einen zweiten geben.