„reden“

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die redensart wie gewollt und nicht gekonnt bezeichnet in der regel etwas, das zwar mühen und investment erahnen lässt, aber am ende doch leider gescheitert ist. da wollte jemand, aber es überstieg seine möglichkeiten, seine fähigkeiten, seine fertigkeiten. das, was er oder sie zu fabrizieren imstande war, bis zum ende der berühmten fahnenstange.

so ist das bei mir mit dem „reden“. ich würde, ich möchte, ich will, aber es funktioniert nicht. ich kann vor allem eins: mich selbst einsperren. ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. und um zu reden, muss man leider etwas sagen. irgendwas. meinetwegen unvollständiges, meinetwegen kauderwelsch. aber irgendwas. und ich sehe mich außerstande dazu. ich weiß nicht, wo anfangen, wo aufhören, es gibt nichts zu sagen, nichts, das nicht schon gesagt worden wäre und man sagt dinge nicht immer wieder neu und überhaupt – wer reden will, ohne was zu sagen zu haben, ist offenkundig nur an selbstdarstellung interessiert und selbstdarstellung ist schlecht, egoistisch, erbärmlich, bemitleidenswert. wer sich selbst darstellen muss, der hat sich nicht im griff. wer sich nicht im griff hat, ist schwach. wer schwach ist, wird belächelt und vernichtet. der ist nichts wert. der kann sich nicht zusammenreißen. der hält nichts aus. den bringt jeder kleinscheiß aus der ruhe und dann heult er rum und will auf’n arm. peinlich. beschämend. etc.pp.

ich weiß es wirklich nicht. und ein bisschen glaube ich, dass das – nein. egal. es wäre übertrieben, das so zu formulieren, wie ich es vorhatte. keinen millimeter kann ich vorwärts und keinen zurück. entweder gibt es keine worte oder worte, die nicht anwendbar sind, weil das zu „schlimme“ worte sind, die die realität verzerren. es nützt. mir nicht. aber … anderen. was es macht: es steigert den druck. es steigert die inneren beschimpfungen und abwertungen. es nimmt luft zum atmen. es nimmt licht zum sehen. am ende schreibt man dann, ohne zu glauben, was man schreibt. man schreibt nichts von dem, was – … man schreibt drumherum. man schreibt etwas und gleichzeitig nichts. und obwohl man könnte, kann man nicht. obwohl man will, darf man nicht.

nicht einmal alte sachen darf man nutzen. sachen, die nicht aus dem jetzt wären. sachen, die zu anderer zeit geschrieben wurden. vielleicht geht irgendwas davon. irgendwas unverfängliches. irgendwas, dessen delikate stellen ausgespart sind. 2017 habe ich, nach der lektüre älterer tagebucheinträge etwas aufgeschrieben, was im dokument noch immer unter der uhrzeit 28:28 abgespeichert ist, zeitlos, aus einem paralleluniversum: „wow, ein alter eintrag hat mich gerade fast völlig rausgehauen. es ging um *******, um kotzen, dass es dann „fertig“ sei und dass ich nicht kotzen darf und plötzlich panik und das grün geflieste badezimmer in der wohnung. nur mit mühe habe ich mich vor dem völligen überschnappen bewahrt.(…) finde schwer aus diesem zustand heraus, in dem die realität wirkt wie ein schlechter film.“ (merke: gucken, wie das bad gefliest ist – haha, ja, genau, das wird wie diese bettwäschegeschichte, du vollfpfosten, VIEL SPAß DABEI!! ich freu mich schon!!! mach das unbedingt! ich geb mir auch mühe, nicht zu laut zu lachen, versprochen!! ich könnte vor-lachen! jetzt ein bisschen und den rest dann! ach, ich teil mir das schon ein, bussi bussi. ❤)

alles andere: geht nicht. geht nicht, ohne ein großes risiko einzugehen. würde nicht stehenbleiben. höre es jetzt schon: unfug, unfug, unfug, ALLES! zu viel futter darf man ihnen nicht geben, sonst fühlen sie sich so im recht, dass sie übermütig werden. und dann trägt man … na, wie auch immer.

wie-auch-immer.
was-auch-immer.
wer-auch-immer.
immer.
immer.
immer.

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O.K.

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aus schwarz ist grau geworden und ich glaube, es spielt keine rolle (mehr). dinge sind wie sie eben sind. es macht mir nichts aus. ich brauche keine hilfe. nachdem ich vorgestern dachte, es sei geboten, der therapeutin noch einen termin aus den rippen zu leiern, wüsste ich jetzt sowieso nicht mehr, was ich sagen sollte. wahrscheinlich wäre der übliche ablauf: unterstützung erbitten (gut, das wäre der unübliche part), sie womöglich bekommen, dann da sitzen und alles belächeln. eigentlich gar kein problem mehr haben. nicht mehr wirklich wissen, warum man das für nötig gehalten hat. es ist doch nichts los. ich würde zeit verschwenden. vorrangig ihre. die eines anderen patienten. auch meine ein bisschen.

ob ich das jemals lerne? ungewiss.

vorletzte nacht geträumt, ich klingle bei „ihm“. es war ein traum nur mit uns beiden. und er war nicht gut. allerdings habe ich keine erinnerung mehr, was daran nicht gut war. was im traum passiert ist. vielleicht habe ich ja auch bloß geklingelt und das war der ganze traum. letzte nacht hingegen: ein feuerwerk des irrsinns. unzählige menschen in voneinander getrennten träumen. menschen auch, über die ich länger nicht nachgedacht habe. einer spielte u.a. in der kindheitswohnung. jemand erzählte mir, er habe gerade draußen etwas beobachtet. eine entführung möglicherweise? es ging hin und her, das betreffende auto war riesig, schwarz, innen beleuchtet. aber der regen war so stark, dass niemand definitiv etwas sehen konnte. es war klar, dass es nicht um die entführung eines erwachsenen gegangen sein kann. umgebungen, die sich im traum plötzlich verändern. eben noch bekannt, jetzt völlig verdreht. immer, immer, immer wieder: nicht mehr wissen, wo man ist. beim aufwachen fast erleichterung darüber, dass ich erkenne, wo ich mich befinde.

manchmal langweilt mich mein gehirn. immer spuckt es mir denselben kryptischen mist vor die füße. ich habe keine geduld dafür. es spielt keine rolle. mittwoch geht es auf die reise. sonntag der höhepunkt. dann das zusammensinken. mit einem lächeln. es ist okay. wie könnte es irgendwas anderes sein?

schwarze stunde

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das erste mal seit langer (!!) zeit überlege ich, ob es gut ist, wenn ich (gerade) allein bin. ob es gefährlich ist. gefährlich, weil da komische sachen in meinem kopf rumgeistern, die ich da sehr sehr lange nicht mehr gesehen habe. sachen, die mich selbst unruhig machen. es sind nur gedanken. okay. nur gedanken. und trotzdem. da ist angst. angst, dass meine selbstbeherrschung bröckelt. und wenn es keine gedanken mehr sind?

ich weiß nicht einmal, wo die gedanken herkommen. sie drängen sich auf. sie werden mir geradezu übergestülpt irgendwie. die absurdesten dinge. dinge, die ich gar nicht will. ist aber egal. ich werde geflutet damit. ich kralle mich an einem felsen fest, am jetzt und am hier. es wird nichts einfach so passieren. habe ich vielleicht wieder einen trigger verpasst? keinen plan. keinen plan.

ich muss es irgendwie schaffen, einzuschlafen. wenn ich schlafe, ist die wahrscheinlichkeit gering, dass ein dummer gedanke doch den weg aus dem kopf nach draußen findet. zu viel geht da drinnen durcheinander. okay: morgen fühlt sich sehr weit weg an. das konzept „morgen“ fühlt sich sehr weit weg an. warum, weiß ich nicht. es ist eher als hätte da einer was losgetreten, das gerade ungehindert einen steilen abhang hinunterrollt. in ordnung. „morgen“ mag ein schwer greifbares konzept sein gerade, aber immerhin ist es ein konzept. mehr als „nicht morgen“. oder „gar nicht mehr“.

in etwa zwanzig minuten ist quasi „morgen“. und wenn der neue tag dann schon einmal begonnen hat, muss man ihn auch zu ende machen. ich fühle mich wie im dezember, wo ich keinen schimmer hatte, was gerade los ist. aber man braucht kein schimmern zum entgleiten. also: ruhig. to do liste ist kurz. 1) einschlafen, 2) wieder aufwachen. oft machen einem andere menschen angst. manchmal, … macht man sich aber auch selbst angst. es ist ein zutiefst verdrehter tag.

vielleicht ist es ein bisschen gefährlich alles. aber die gefahr ist zu bändigen.

es gibt morgen.

und es ist gut, dass es morgen gibt. irgendwie.

abschaltung

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heulend beim arzt sitzen. sonst undenkbar. jetzt: egal. keine ressourcen. irgendwann hören die tränen dann auf, stattdessen übernimmt der medikamentöse stumpfsinn. im raum rumgucken, warten, zusammenschrumpfen auf die kleinste gemeinsame lebensform. ich nehme alles mehr oder weniger ungerührt zur kenntnis. ich würde jetzt alles tun oder lassen, je nachdem. wenn es sein muss, muss es sein, ich habe mich aus dieser gleichung herausgekürzt. etwas tut weh. aber irgendwann hüllt der schmerz mich ein wie eine decke.

leben ist gerade auch, darüber nachzudenken, dass es besser zu ende wäre. ich hatte die gedanken lange nicht. sie sind nicht handlungsleitend. aber sie sind da. die gedanken, die das leben lieber im hinblick auf sein ende denken. die das selbst lieber im hinblick auf seine nichtexistenz denken. ich werde nichts tun in dieser richtung, dafür werde ich immer zu zögerlich sein, zu feige, zu kontrolliert. aber sie werden wieder mehr. die ideen, die gedankenkreise darumherum.

vielleicht hatte ich deshalb keine ressourcen für witze beim arzt. weil das gehirn zu sehr mit seiner eigenen abschaltung liebäugelt.

hohn, spott und regen

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pendeln zwischen selbsthass und hoffnungslosigkeit. zwischen selbstekel und zynismus. zwischen pest und cholera. zwischen scylla und charybdis. so ist es eben, flüstert es, finde dich damit ab, hör auf zu strampeln, das ist ja lächerlich. und das ist es wirklich. ohne frage. apropos frage: hör auf zu fragen. hör auf, begreifen zu wollen. hör auf, dein leben zusammensetzen zu wollen. hör auf, dich zu bemitleiden. hör auf, zu jammern. hör einfach auf. mit fast allem. es führt zu nichts. es gibt keine antworten, egal, wie viele fragen du dir noch ausdenkst. es muss ein ende haben. das sage ich ja schon die ganze zeit. oder: lange. einige jahre. immer wieder.

wie dem auch sei. es nützt nichts, alles dauernd zu wiederholen, auch wenn es sich als weitgehend richtig erweist. wahrscheinlich geht es mir gut. so gut, wie es mir eben gehen kann. ich habe genug wissen gesammelt in den jahren, um eine vorstellung davon zu haben, was los sein könnte. dabei brauche ich keine hilfe (mehr). wenn ich es nicht umsetzen kann, ist das meine schuld und liegt in meiner verantwortung. ich erlebe das sprechen (über befindlichkeiten) zunehmend als wahnsinnig anstrengend. weil alles gesagt ist. mehrfach. ich spüre zwar noch ein restbedürfnis, mich mitzuteilen, weiß aber oft gar nicht mehr, was ich sagen will und soll. vielleicht ist es wie ein phantomschmerz nach einer amputation.

ich hatte mehr sagen, mehr schreiben wollen. einen cut machen, einen (schluss)strich ziehen, unter all die falschen ansätze, unter all die lahmen fragen, unter all diesen egozentrismus, unter MICH. aber es klappt nicht. hauptsächlich, weil alles irgendwie leer ist und abgenutzt. keine worte. jemand nimmt sie mir weg. zurück bleiben hohn und spott und regen.

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es gibt eine müdigkeit, die nichts damit zu tun hat, wie viel oder wie wenig ich schlafe. es gibt ein alleinsein, das unabhängig davon ist, wie viele menschen ich treffe. und es gibt ein leben, das nicht meins ist, egal, wie viele jahre ich mich innerhalb seiner begrenzungen zu bewegen scheine. die „schwere dissoziative symptomatik“ bleibt, auch wenn daraus nichts neues folgt. die ist nicht einfach so da. heißt es. die gibt es nur im verbund mit traumatisierung. ich höre und höre nicht. höre, dass wir nochmal verlängerung beantragen müssen, eine formsache. höre trotzdem, dass damit die überwiegende anzahl der stunden verbraucht ist. wundere mich darüber, weil es sich nicht so anfühlt, obwohl ich es wusste. weil ich manchmal immer noch denke, wir sind am anfang.

wir sind nicht am anfang. wir gehen gemächlich aufs ende zu. gemächlich, aber wir gehen. es ist ein inneres handtuchwerfen und zusammenrollen. 11 tage noch. ich kann gehen. ich muss nichts aushalten. ich nicke und fühle mich trotzdem so hohl dabei. ich kann mich nicht artikulieren. ich weiß nicht, was es braucht. ich weiß nur, dass es fehlt. ich komme nicht klar, aber weiß nicht, womit nicht. ich möchte mich auflösen, aber finde keinen adäquaten ansatz, um das zu bewerkstelligen.

dabei wäre so vieles so schön ohne mich. so vieles. der gedanke setzt sich fest. setzt sich mit seinem ganzen gewicht auf mich. strubbelt mir durch die haare. ich lasse ihn gewähren. darin bin ich überdurchschnittlich begabt. der gedanke tröpfelt in mich hinein, leise und beharrlich. während andernorts darüber gelacht wird. was für ein pathetischer, egozentrischer gedanke. ich lasse sie kämpfen, es ist mir egal. ich lege mich in mein bett und alles ist einfach weit weg. der unsinn und die anderen.

wer nicht weiß, was er braucht, muss nehmen, was er kriegt.

die teufel an den wänden

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manchmal gibts tote im traum. ich glaube, im fall der letzten nacht war ich schuld daran. ich könnte die traummenschen getötet haben. es gab blut und solche sachen. unansehnlich. ich habe den raum verlassen, wo sie lagen. oder lagen sie in mehreren räumen? erwartete chaos, stattdessen: ruhe. ich war verwirrt. da liegen doch tote, oder? ihr müsst sie doch auch alle sehen? aber niemand sagte etwas. ich glaube, es waren familienmitglieder, von denen ich die strafe erwartete. aber niemand sagte etwas. ich konnte es mir nicht erklären. wo sind die toten hingekommen? oder sieht sie niemand außer mir? beide fragen mit ihren jeweils antizipierten antworten stimmten mich nicht unbedingt ruhig. den zweiten teil des traums verbrachte ich dann – vermutlich wie den ersten auch, aber der spielte sich vorrangig drinnen ab – in meiner geburtsstadt. dabei ehemalige mitschüler*innen, mit denen ich niemals dorthin gefahren wäre. sie zeigten mir fiktive orte, die ich bestürzend schön fand, dafür, dass ich es sonst alles so hasse dort.

irgendwann fahre ich noch einmal hin. nicht wie bei der stippvisite jetzt, sondern – ein paar tage. als exorzist dieser stadt würde ich ihr gern den teufel austreiben, den ich an ihre wände gemalt habe. die stadt ist nicht schuld. die stadt kann nichts dafür. aber es ist leichter, die stadt in eine riesige büchse der pandora zu verwandeln und sie mit einem deckel zu verschließen. ich weiß, dass die zeit noch nicht da ist. jetzt könnte ich das (noch) nicht nutzen. jetzt würde ich doch nur weglaufen. mir die ohren zuhalten. alles übertönen wollen, wie ich es als äußerst tapfere emetophobikerin immer getan habe, wenn jemand in meiner nähe kotzte.

gestern geschrieben: ich werde sehr darauf achten, was „er“ sagt und tut. wie „er“ sich benimmt. was aber auch bedeutet: wenn mir nichts irgendwie seltsames auffällt, bin ich geliefert. geliefert an die in mir, die nur darauf warten. die mich in stücke reißen werden. wortwörtlich. ich weiß um die extreme zerstörungsenergie, die darin liegt. die kann eigentlich nicht überschätzt werden. man kann sie eindämmen, einzäunen die verrückten diktatoren in mir, die darauf warten, alles niederzubrennen. es empfiehlt sich. aber es gibt dinge, die graben tunnel und menschen, die überwinden zäune. wenn „er“ den zaun nicht überwindet, wer sonst? es ist so lange her, dass wir uns gesehen haben, so lange, dass ich manchmal überlege, ob ich „ihn“ erfunden habe.

es ist angsttag. ich kann schlecht schlucken. weiß nicht, ob angst übelkeit auslöst oder übelkeit angst und am ende ist das vielleicht auch gar nicht so entscheidend. die angst ist mehr wie ein kurzer regenschauer. und immer, wenn man denkt, dass es gerade wieder aufklart, fängts von neuem an zu schütten. als ich am vormittag die post betrete, tanzen mir kurz helle sternchen vor den augen. als ich sie verlasse, sehe ich eine ältere dame, die mit dem fahrrad auf mich zufährt. ich lasse ihr die vorfahrt durch eine schmale gasse, die von einem parkplatz auf den fahrradweg führt. sie lächelt mich an. ich lächle zurück. und bin kurz froh. fühle mich kurz sinnvoll. bin kurz von der wahrnehmung entbunden, ein doch schon irgendwie schlimmer, ekliger mensch zu sein.