hilfe

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wir haben jetzt noch zwei oder drei stunden, dann müssen wir die letzten zwanzig stunden beantragen. und darüber reden, wie wir diese stunden noch gestalten, sagt die therapeutin. hilfe. was könnte hilfe sein? ich weiß es noch immer nicht. immer öfter zweifle ich, dass es diese hilfe überhaupt gibt. all die beschrittenen wege, die vielen stunden therapeutisch begleitete biographieforschung, unterschiedliche schwerpunktsetzungen, diverse diagnosen. und am ende? weiß ich trotzdem nichts. stelle ich mir trotzdem dieselben fragen. bin ich trotzdem emotional in etwa so beweglich wie ein granitblock. bezweifle ich trotzdem andauernd das vorhandensein von traumatisierung.  bin ich trotzdem autoaggressiv. bin ich trotzdem, vor allem, müde.

ich mache niemandem im außen zum vorwurf, dass es die hilfe (für mich) nicht gibt. ich bin selbst dafür verantwortlich. und offensichtlich kann ich dieser verantwortung nicht gerecht werden. seit ewigkeiten schon nicht. und wenn das so ist, wird es vielleicht zeit, platz zu machen für die, die imstande dazu sind, sich ernsthaft zu bessern. ich weiß nicht, was passieren muss, damit ich dazu fähig bin. vielleicht muss ich warten auf diesen stoß in den abgrund. falls er jemals kommt. vielleicht kommt er nie. wer weiß, wie vielen menschen in dieser zeit geholfen werden könnte. vielleicht doch keine verlängerung? jetzt sauber abschließen?

ich habe keine ziele oder perspektiven. dahin soll es mal gehen, das will ich noch machen. ich kann es mir auch schlicht nicht vorstellen. ich habe keine ressourcen für positive zukunftsentwürfe und das tangiert mich auch nicht besonders. es ist wie es ist wie es ist. das, was ich irgendwann einmal wollte, wird in naher zukunft nicht eintreten, vermutlich nie. nicht einmal, weil die böse welt mir irgendetwas davon versagt. sondern weil ich zu unfähig bin, dieses oder jenes zu tun. weil ich manches auch nicht mehr will. es liegt bei mir. es ist mein versagen, nicht das versagen der welt.

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die kleinen unterschiede

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und dann bist du nach einem anstrengenden tag nicht etwa erschöpft, sondern zum zerreißen angespannt. im kopf nur noch ein angstrauschen. die phobie wütet wie ein kleinkind, wirft gedanken herum wie bauklötze, jeder davon trifft an einer empfindlichen stelle und verstärkt das rauschen. katastrophengedanken rasen durch mich hindurch; ich weiß, dass sie katastrophisch sind, in ihrer färbung und vehemenz viel zu grell. und dann liegst du nicht etwa da und bist wohlig abgearbeitet, sondern eine geisel deines rotierenden gehirns, in dem ohne anlass das martinshorn lärmt. als gäbe es jetzt, in eben diesem augenblick, nichts wichtigeres als angst zu haben. ich beiße die zähne aufeinander und merke es erst, als meine kiefermuskeln weh tun. während ich die angst als aufsässiges spielkind kleinzudenken versuche, kommen von anderswo gedanken: sie hat heute gesagt, möglicherweise *****. ja, zu recht. was hat das jetzt damit zu tun?

die kleinen unterschiede. zwischen meinem feierabend – und deinem.

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teilzeittot.

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letzte nacht haben wir uns schon wieder getroffen. dieses mal allerdings in deren wohnung. du hast viel geredet, auch wenn ich jetzt nichts mehr davon weiß. eine menge kram erzählt, „zufällige“ körperliche nähe gesucht, hier und da. eine nähe, die niemandem auffiele, wenn er sie von außen betrachtete. nähe, die nur auf einer seite scharf ist. du hast sehr breitbeinig auf einem stuhl gesessen und in meinen kopf ist dann irgendein blitz eingeschlagen, das bild wurde trüb, – wie wenn ein augenarzt mit diesen tropfen die pupillen erweitert und alles nur noch schwammig ist. mein blick fällt auf den küchenboden. du warst auf dem weg irgendwohin, um kitschiges zeug zu kaufen. und ich habe nicht mehr gesprochen. nur dagesessen und geradeaus gestarrt. ein bisschen wie tot. teilzeittot.

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tischgespräch

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im traum letzte nacht sitzen wir gemeinsam an deinem küchentisch, nur du und ich. wir reden über „den“ missbrauch. du bist ruhig und gefasst, ich allerdings auch. du leugnest nichts und streitest nichts ab. aber du sagst mir, dass ich alles sehr gut und gerne gemacht hätte. du machst uns zu komplizen. ich leugne nichts und streite nichts ab. du erzählst noch mehr, aber daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. ich bin völlig leer angesichts deiner worte. keine erschütterung. lediglich überrascht bin ich, wie bereitwillig du auskunft gibst. sonst kein gefühl. dann ist es wahr?, denke ich noch im traum. so wahr oder so falsch wie jede andere geschichte.

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turmbau

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als ich um kurz nach sechs zum ersten mal aufwache, ist der schmerz schon da. unwillig, um diese uhrzeit schon aufzustehen, versuche ich, ihn noch einmal abzuschütteln. es gelingt mir, auch wenn er beim nächsten augenaufschlag zurück ist und an mir zieht und zerrt. während ich beginne, liegen gebliebene hausarbeiten zu erledigen, frage ich mich, wie viele einzelbelastungen man wohl aufeinander türmen kann, bevor der turm zusammenbricht. der gedanke selbst hält nicht lange stand: so belastet ist das alles nun wirklich nicht. okay, dann nicht, war ja bloß eine idee.

nach einer tasse kaffee packt mich die panik von hinten. für die panik macht der schmerz kurz platz. körperprioritäten. ich räume wild in der wohnung herum, zu tun ist ja genug. bloß in bewegung bleiben. telefonieren. dabei wieder feststellen, dass es nicht reicht. das, was man tut, reicht nicht, finanziell. immer wieder nicht. eigentlich noch mehr arbeiten müssen, das aber gesundheitlich nicht können. keine lösung sehen. sich wieder an den gedanken mit den auftürmenden belastungen erinnern. wie lange kann man sie wohl wegdrücken?

ich weiß nicht, wie ich mir das irgendwann einmal vorgestellt habe.

mühe allein genügt nicht, hieß es früher gern. es ist zu wenig, sich halt einfach nur mühe zu geben. es ist sogar beschämend wenig. während ich überlege, kehrt der schmerz zurück und legt seinen arm um mich. vielleicht ist die ärztin morgen da. vielleicht gönnt sie sich einen brückentag und mir damit zwei tage mehr schmerzen. es gibt für so viele dinge keine lösungen. manchmal bloß keine schnellen, manchmal aber auch gar keine. leben bedeutet, von kleinauf, vor allem aushalten. aushalten, bis irgendwas besser wird. aushalten, bis irgendwas aufhört. aushalten, weil die unmittelbare einflusssphäre lächerlich klein ist.

stein auf stein. alles nicht so schlimm, geht schon alles, wird schon alles. muss ja.

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minus

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als ich kurz nach sieben zum ersten mal wach werde, weiß ich, dass es viel zu heulen gab in meinem traum. als ich einige zeit später dann endgültig aufstehe, weiß ich nicht mehr, warum. ich weiß nur noch, dass ich ein gegenüber (m) hatte, das massiv auf mich eingewirkt hat. nicht im positiven sinne. ein gegenüber, das die tränen bewerten musste, alles wegreden, vorwürfe machen, wärme entziehen. heul doch, mach doch, alles sowieso falsch. wachsende verzweiflung. immer und immer größer. bekannt, aber ich weiß nicht, woher. (oder: es gibt eine idee, aber ich finde keine konkreten situationen dazu).

darüber hinaus: erschöpfung. nicht vornehmlich körperliche, eher psychische. die abwärtsspirale in mir fragt regelmäßig nach medikation oder selbstverletzung. wünscht sich, bloß im bett zu liegen und zu schlafen. oder die wand anzustarren. oder beides im wechsel zu tun. warum, spielt eigentlich keine rolle. möglicherweise bin ich auch zu faul, darüber nachzudenken. wie immer eben. alles wie immer. ich kann nicht mehr über das immer gleiche schreiben und sprechen. es ist so ausgehöhlt. niemand kann das mehr hören. niemand will das mehr hören. und gleichzeitig fehlen mir andere zufahrtswege.

mehr ist da einfach nicht.

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